Lebendige Erinnerung ans Bähnle

Sogar Richard von Weizsäcker kennt Gomaringen

GOMARINGEN. Nächstes Jahr wäre die Bahnlinie von Gönningen über Gomaringen nach Reutlingen 100 Jahre alt geworden. Der Geschichts- und Altertumsverein erinnert ab April mit einer Ausstellung im Gomaringer Schloss an das „Gönninger Bähnle“, das 1982 seinen Betrieb einstellte. Am Mittwoch berichteten Zeitzeugen über ihre Erinnerungen und die einstmals große Bedeutung des Verkehrsmittels.

Stephan Gokeler
Artikelbild: Sogar Richard von Weizsäcker kennt Gomaringen Einweihung des Gönninger Bähnles im Jahr 1902 Bildtext: BiU: Vor 100 Jahren war es so weit. Vor dem Gönninger Bahnhof postierten sich Honoratioren, um das heute noch als „Somaschell" bekannte „Gönninger Bähnle" einzu-weihen. Den Startschuss gab seinerzeit Carl von Weizsäcker, der Großvater des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.

Flugs wurde das „Gönninger Bähnle“ wieder lebendig, als knapp ein Dutzend Zeitzeugen im Vereinsraum des Schlosses zu erzählen begannen. Auch durch die „fünf Pfund Bilder“, die Karl-Heinz Haug aus dem Familienbesitz mitgebracht hatte und durch einige Zuschriften, die beim Verein nach Aufrufen in der Zeitung eingegangen waren. Alle, die der Einladung der Ausstellungsmacher um den Vorsitzenden Willi Kemmler und Museumsberaterin Birgit Walliser-Nuber gefolgt waren, hatten einen besonderen Bezug zum Bähnle.

So war mit Roland Marquardt aus Dettingen/Erms der Führer des letzten Zugs auf dieser Strecke gekommen. Zwischen 1980 und 1982 fuhr er den Triebwagen, der noch täglich um 17 Uhr Güter auf der Strecke transportierte. Der Personenverkehr war damals bereits eingestellt — trotz des besonderen Service, von dem frühere Fahrgäste erzählten: Manche hätten dem Bähnle trotz besserer Busverbindung lange die Treue gehalten, weil man im Zug rauchen durfte und der Lokführer Bier verkaufte.

Karl-Heinz Haug hatte andere Motive, den für ihn viel längeren Weg von der Reutlinger Schule zurück nach Gomaringen per Bahn zu wählen: „Ich wollte unbedingt mit der Dampflok fahren“, erzählte er. Und dass ihn der Schaffner anfangs immer gefragt habe: „Bist Du Schüler oder sind Sie Arbeiter?“ Außer seinen Erzählungen und Bildern hatte Haug noch mehr Authentisches anzubieten: „I han no zwei Meter Schiena im Garta standa“, verkündete er.

Solche Objekte brauchen die Ausstellungsmacher, um ihren Wunsch zu realisieren. Wenigstens im Schloss soll das Bähnle wieder zum Laufen gebracht werden, und sei es auf einem Super-8-Film von 1976, der angeboten wurde. Auch Fahrpläne, Schalter- und Bahnhofsschild aus Ohmenhausen sind noch vorhanden. Gerhard Ankele brachte eine Tüte voller Fahrkarten zum Gespräch mit. Allerdings nicht die ganz alten, wie er bedauerte, die hätten die Kinder zum Spielen bekommen.

Er erzählte zudem von eigenen und fremden Streichen aus der Jugend: Steine auf die Schienen zu legen oder an der Gönninger Steige „Schmotz“ (Schmierseife) auf die Schienen zu streichen, um dem Bähnle den eh schon mühsamen Aufstieg zusätzlich zu erschweren, sei damals beliebt gewesen. Auch Gefahren brachte die Bahn in den Flecken: An einen Unfall mit einem Holzvergaser-Lastwagen, der auf dem Bahnübergang stehen geblieben war, und an ein Radgestell, das sich in Gönningen selbstständig gemacht hatte und in Gomaringen noch mit solcher Wucht angekommen sei, dass es den Prellbock durchschlagen hatte, erinnerte sich Ankele.

Dass es die Linie überhaupt gab, war offenbar auf frühere Vorbehalte gegen die neue Technik zurückzuführen. Ursprünglich sei die Bahnlinie zwischen Tübingen und Mössingen mit einem Schwenk über Gomaringen geplant gewesen, berichtete Haug. „So ein Teufelszeug kommt uns nicht in den Flecken“, sei seinerzeit der Tenor in Gomaringen gewesen. Deshalb blieb der Ort vorerst ohne Bahnanschluss, bis viele Jahre später die Linie nach Reutlingen und Gönningen realisiert wurde.

Neben dem Personenverkehr mit zeitweise bis zu zehn Waggons pro Zug war von Anfang an der Güterverkehr ein wichtiges Standbein. Während die Gönninger das Bähnle überwiegend für Im- und Export der Samenhändler (daher auch der Spitzname „Somaschell“) nutzten, erinnert sich Anneliese Ammann an die Lieferungen von Eierkohlen, Briketts und Koks für den elterlichen Handelsbetrieb. Sie erzählte auch von Richard von Weizsäcker, der vor seiner Bundespräsidenten-Zeit einmal zu einer CDU-Veranstaltung nach Gomaringen gekommen sei. Der Ort sei ihm bekannt, so habe Weizsäcker erzählt, weil sein Großvater Carl die Bahn in Gönningen eröffnet habe.

Auch die schlechten Zeiten kamen zur Sprache: Die zum Abschied winkenden Soldaten, von denen viele nicht mehr zurückgekehrt seien, sind Anneliese Ammann unvergesslich. Und Hedwig Saur hat erlebt, wie der Zug während der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg zwischen den Ohmenhäuser Weinbergen Schutz suchte.

Birgit Walliser-Nuber ist bei Archiv-Recherchen auf zahlreiche Beschwerden über den schlechten Zustand der Waggons gestoßen. Man brauche im Zug einen Regenschirm, hieß es dort beispielsweise. Und in den 30er-Jahren ging es wirtschaftlich bergab, weil die Leute sich das Fahrgeld nicht leisten konnten und mit dem Fahrrad oder gar zu Fuß nach Reutlingen gingen.

Der gewiefte Kommunalpolitiker Kemmler schlug am Ende den Bogen zur Gegenwart. Die Ausstellung werde zu der Zeit eröffnet, zu der auch die Machbarkeitsstudie über die Stadtbahn vorliegen solle. Daher könne das Erinnern an das Gönninger Bähnle auch zum Nachdenken darüber anregen, was der Bahnverkehr dem Ort gebracht habe und was er künftig zu bieten habe. „Die Schiene hat wieder Konjunktur“, ist Kemmler überzeugt, mit der Schließung vieler Strecken seien „historische Fehler“ begangen worden.

07.09.2001 - 00:00 Uhr | geändert: 02.09.2011 - 16:29 Uhr

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