Ein Schutzmann regelte am Lustnauer Tor den Verkehr, bis eine Ampel ihn ersetzte

Auch ein Karajan war dabei

Dem Schutzmann am Tübinger Schimpfeck müsste man ein Denkmal setzen. Jahrelang stand er an der meist befahrenen Kreuzung Tübingens, nicht nur Wind und Wetter ausgesetzt, sondern auch den Auspuffgasen. Er war eine Respektsperson, beliebt bei der Bevölkerung. Und doch trieb der eine oder die andere Schabernack mit ihm. Zahlreiche Geschichten, wohl auch Gerüchte, kreisen um seine Person. Doch Dichtung und Wahrheit liegen vielleicht gar nicht so weit auseinander. All das zeigt: Man mochte ihn.

Manfred Hantke
Der Schutzmann auf dem Turm am Lustnauer Tor. Das Bild entstand im Mai 1965, zwei Jahre später war ... Der Schutzmann auf dem Turm am Lustnauer Tor. Das Bild entstand im Mai 1965, zwei Jahre später war der Turm weg, eine Ampel regelte fortan den Verkehr. Bild: Göhner/Stadtarchiv Tübingen

Viel war in den vergangenen Wochen im Leserbriefteil vom Schutzmann am Schimpfeck die Rede. Leser erinnerten an den Mann mit der Pfeife, der rüde Verkehrsteilnehmer harsch zurechtwies, erzählten die Geschichte vom listigen Schupo und dem schlagfertigen Postler, schilderten, wie vier Studenten den Namen vom „Schutzmann Eisele“ verballhornten.

All die Geschichten kennt Eberhard Vollmer – und noch viel mehr. Der 75-jährige, einstige Polizeiführer des Tübinger Reviers, kam 1955 zur Polizei, 1959 nach Tübingen. Erzählt habe man schon damals viel, sagt er, in der Polizei und in der Bevölkerung. Aus ein, zwei wahren Geschichten habe ein anderer zehn Anekdoten gemacht, wobei der Wahrheitsgehalt oft gelitten habe. Viel Seemanns- oder Freibadstratsch sei darunter gewesen.

Vollmer stand am Beginn seiner Polizeikarriere in weißen Handschuhen und weißem Mantel ebenfalls auf dem Podest am Lustnauer Tor, hob und streckte die Arme, blies in die Trillerpfeife, stoppte eilige Autofahrer und wies verkehrswidrig hastende Fußgänger zurecht. Von 7 bis 18 Uhr war der so genannte Elefantenfuß besetzt, sommers wie winters, bei Gluthitze und Eiseskälte. Jede Stunde wurde abgewechselt. Da musste Vollmer dann auch das Hemd wechseln, das war nämlich schwarz, sagt er.

Wolfgang Dorners 250er BMW, Baujahr 1949. Fast 30 Jahre stand sie im Keller, seit 2003 fährt er ... Wolfgang Dorners 250er BMW, Baujahr 1949. Fast 30 Jahre stand sie im Keller, seit 2003 fährt er sie wieder.Bild: Hantke

Die Autos hatten vor über 50 Jahren keine Katalysatoren, stießen die schwarzen Abgaswolken in die Nase des Schutzmanns. Das Wirtschaftswunder bescherte auch den Tübingern immer mehr Autos und Motorräder. So nahm der Verkehr zu Beginn der 50er Jahre höllisch, die Zahl der Unfälle drastisch zu. Eine Einbahnstraßenregelung gab es nicht, Ampeln lagen noch in weiter Ferne. Autos und Motorräder kamen aus den Straßen sternenförmig auf die Kreuzung zu, fuhren in alle Richtungen weiter; dazu Fußgänger, Radfahrer, Pferde- und Ochsenfuhrwerke. Niemand hatte Zeit, vorwärts hieß die Devise.

Die Tübinger Verkehrspolizisten waren scheinbar mit der Verkehrsregelung am Lustnauer Tor überfordert. So kamen im französisch besetzten Tübingen am 1. Juli 1954 drei Flics eigens aus Paris zum Einsatz. Von 10 bis 12.30 Uhr managten sie den Verkehr wohl beinahe bravourös, der TAGBLATT-Chronist war voller Lob, mit welcher „Eleganz“ sie den Verkehr flüssiger gestalteten, obwohl die „Motorisierten“ zu langsam seien. Doch gegenüber den Fußgängern und den Radfahrern seien die Flics genauso macht- und ratlos gewesen.

Gegen Ende der 50er Jahre spitzte sich die Lage dramatisch zu. Im Juli 1959 wurden auf der Kreuzung 28 000 Fahrzeuge gezählt (heute sind es rund 10 000). Staus in der Mühl- und Wilhelmstraße, Staus in der Neuen Straße und Am Stadtgraben. „Die Polizei ist mit ihren Mitteln am Ende“, stellte unsere Zeitung fest. Die Spitzenbelastung sei zum Normalzustand geworden, kein Wunder, wenn die „Männer in Uniform allmählich die Nerven verlieren“.

Belastete schon der dichte Verkehr, der Dreck und das Wetter die Schutzmänner aufs Äußerste, machten ihnen zusätzlich die Fußgänger zu schaffen. Sie liefen zwischen den Autos hindurch, und wenn sie der Polizist verwarnte, bellten sie arrogant zurück, insbesondere die Studenten, wie das TAGBLATT im Mai 1961 berichtete. So drohte die Polizei den disziplinlosen Fußgängern „drakonische Maßnahmen“ an.

Die Kreuzung am Lustnauer Tor war nicht nur Verkehrsknotenpunkt, sondern auch Quelle zahlreicher ... Die Kreuzung am Lustnauer Tor war nicht nur Verkehrsknotenpunkt, sondern auch Quelle zahlreicher Geschichten und Anekdoten. Das Bild stammt von Leser Wolfgang Schneider. Er fotografierte die Szene 1959 von der Wohnung im vierten Stock der Neuen Straße 15. Der Schutzmann steht noch auf seinem „Elefantenfuß“.

Die Polizisten lebten auch gefährlich. So hat der Tübinger Wolfgang Schneider erlebt, wie ein Schutzmann beinahe durch die ausschwenkenden Langhölzer eines um die Ecke fahrenden Fuhrwerks getroffen worden wäre. Der rettete sich durch einen beherzten Sprung von seinem Podest. Durchschnittlich 20 mal pro Jahr würden die Polizisten „von ihrem Holzpodest heruntergefahren“, schrieb das TAGBLATT im März 1956.

Weihnachtsgeschenke für die Schutzmänner

Nur „wegen der Gewandtheit der Posten, die sich immer rechtzeitig in Sicherheit gebracht haben“, sei bislang nichts Ernsthaftes geschehen. Die Zeitung zitierte einen Passanten: „Ich schwitze für den Polizeibeamten auf seinem Podest.“ Und der Verkehrsausschuss brummelte: der Schutzmann müsse etwas „Festes“ unter die Füße bekommen. So stand 1961 ein überdachter Turm anstelle des „Elefantenfußes“ auf der Kreuzung. Der Schutzmann hatte von dort oben einen guten Überblick, übersah den Verkehr in der ganzen Mühlstraße, stand etwas sicherer und gesünder.

Das war freilich nur eine Zwischenlösung. Entlastung bot zwar 1962 der Fußgängertunnel zum Botanischen Garten, doch längst musste ein zweiter Posten ein paar Meter weiter beim Museum den Verkehr regeln. Der Ruf nach einer „Lichtsignalanlage“ wurde lauter und lauter. Heidelberg hatte gar schon die „grüne Welle“. So wurde ein international agierender Verkehrsexperte aus Köln herbeigezogen. Richard Mayr kannte die Metropolen der Welt und war der Meinung, am Lustnauer Tor gehe nichts ohne „größere bauliche Veränderungen“.

Denkste: Nach mehr oder weniger erfolgreichen Versuchen, das Verkehrschaos am Lustnauer Tor in den Griff zu bekommen, schafften schließlich die Stadtoberen durch den Ausbau der Wilhelmstraße, Linksabbiege- und Einbahnstraßenregelungen und die Ampel einigermaßen geordnete Verhältnisse. Die Fußgänger allerdings hatten das anfangs nicht gleich geblickt. Statt auf die Ampel schauten sie immer noch auf den Polizisten, der dort oben noch übergangsweise auf seinem Turm stand, aber die Fußgänger nicht mehr dirigieren brauchte. Sie mussten 1965 über die Zeitung ermahnt werden, „allein die Signalanlage“ zu beachten.

Nachdem die Einbahnregelung 1966 und 1967 getestet und für gut befunden wurde, hatte der Turm bald ausgedient. Schutzmann Hans Walker war der letzte. Er verließ am Samstag, 13. Mai 1967, um 9.02 Uhr seinen Turm. Der fiel ein paar Tage später, denn er behindere den Verkehr aus der Neuen Straße, hieß es. Danach regelte nur noch in Ausnahmefällen ein Polizist den Verkehr am Schimpfeck, etwa beim Ausfall der Ampel oder bei einer Demo.

Vor solch bewegtem Hintergrund reifen die köstlichsten Geschichten, von denen wir hier noch ein paar wahre wiedergeben. So wollte 1952 eine Frau mit einem Ochsengespann vom Lustnauer Tor links in die Straße Am Stadtgraben einbiegen. Schutzmann Hans Geiger hielt den Verkehr an, um das Gespann ziehen zu lassen. Doch einer der Ochsen wollte zuerst sein Geschäft verrichten, hob den Schwanz und entlud sich lang und kräftig.

Dass das Verhältnis der Tübinger zu ihren Verkehrsbeamten auch herzlich war, zeigt die alljährliche Bescherung zu Weihnachten. Es ist „ein schöner Brauch geworden“, schrieb das TAGBLATT 1961. Autofahrer fuhren bis zum Podest oder bis zum Turm vor und reichten „ihrem“ Polizisten „überwiegend nahrhafte Sachen“ aus der heimischen Industrie sowie Wein und Spirituosen aus dem Autofenster.

Die beigelegten Briefe hatten belehrenden, humorvoll-ironischen oder mahnenden Inhalt, der aber immer gut gemeint war. Selbst eine alte Frau „mit sicher kleiner Rente brachte ein Päckchen Zigaretten, weil der Herr Schutzmann sie immer so nett über die Straße bringt“. Alles behielten die Polizisten nicht für sich. Die Geschenke würden „friedlich-schiedlich“ unter die Bediensteten verteilt, hieß es. Der frühere Polizeiführer Eberhard Vollmer erinnert sich, dass ein Großteil der Geschenke ins Altersheim gingen.

„A so oine hau i gfahra, anno zwoiafuffzig.“

„Mit dem guten, alten Schutzmann“ hatte auch der Rottenburger Wolfgang Dorner sein Erlebnis. 1974 war’s, wahrscheinlich war die Ampel ausgefallen, ein Polizist regelte den Verkehr. Da kam er mit seiner polizeigrünen 250er BMW R 24, Baujahr 1949, die Mühlstraße hoch. Der Schupo setzte der Fahrt mit der Trillerpfeife ein jähes Ende.

Der „Respekt erweckende Zweimeter-Mann“ mit seinem weißen Lackmantel, der weißen Schirmmütze und den weißen Handschuhen habe dreimal das Motorrad umrundet, es von allen Seiten begutachtet, währenddessen der Biker „die Hosen gestrichen voll hatte“. Denn Dorner hatte keine Papiere für seine BMW, das Nummernschild hatte er von seiner NSU Max an die R 24 geschraubt.

Die Sekunden erschienen ihm wie eine Ewigkeit. Dann sagte der Polizist voller Bewunderung: „A so oine hau i gfahra, anno zwoiafuffzig bei dr Breidschafdsbollizei z‘ Gebbenga“. Lächelnd kehrte er auf seine Insel zurück, den Stein, der Dorner vom Herzen fiel, hörte er nicht.

Zu den wahren Geschichten erzählt man sich noch die eine und andere Parodie, etwa die vom „Schutzmann Eisele“. Ein Leser brachte sie kürzlich zum besten. Vier Studenten haben darin den Namen des Schutzmanns verballhornt: „Eismann Schutzele“, sollen sie ihn genannt haben, oder „Utzmann Scheisele“.

Der langjährige Polizeiführer Vollmer aber ist sich ganz sicher: Einen Schutzmann Eisele hat es nie gegeben. Karl Eisele war zu jener Zeit Polizeiobermeister im Ermittlungsdienst, stand nie auf der Kreuzung. Dort taten insbesondere Kurt Haug, Karl Henne, Albert Hörmann und Hans Walker ihren Dienst.

Walker ist vielen Tübingern noch in Erinnerung. Wolfgang Schneider wohnte damals in der Neuen Straße und hat ihn täglich gesehen. „Er hat so schöne Bewegungen gemacht“, erinnert er sich, „sehr elegant“, weshalb man ihn „den Karajan“ genannt habe.

Warum aber diese Geschichte um den Schutzmann Eisele? Wahrscheinlich, weil man mit dem Namen so gut spielen kann, vermutet Vollmer. War’s also doch Dichtung? Oder sollen wir’s mit dem knitzen und listigen Tübinger Dichter-Philosophen Theodor Haering halten, der sinngemäß gesagt hat: „Wenn’s nicht wahr wär‘, woher wüsst‘ man’s dann?“.

16.06.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 16.06.2012 - 18:02 Uhr

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