Vor 70 Jahren wurde die Fabrikantenfamilie Horkheimer deportiert

Beraubt, entwürdigt, vertrieben

Heute vor 70 Jahren, am 22. August 1942, kamen die Rottenburger Ehepaare Jenny und Ferdinand Horkheimer und Rosa und Albert Horkheimer im Konzentrationslager Theresienstadt an. Die Propaganda der Nationalsozialisten verklärte das KZ zum „Altersghetto“ für alte und prominente Menschen jüdischen Glaubens. Gut sieben Monate später starb mit Jenny Horkheimer die letzte der vier.

 
Albert Horkheimer und seine Frau Rosa im Arbeitszimmer in der Mechthildstraße 33, vermutlich im ... Albert Horkheimer und seine Frau Rosa im Arbeitszimmer in der Mechthildstraße 33, vermutlich im Jahr 1938. Bilder: Lilian S. Barber

Hinter den Vorhängen standen am 19. August 1942 Rottenburgerinnen mit Tränen in den Augen wie Frau Fischer und Frau Saile und warteten auf das Vorbeikommen der zwei jüdischen Ehepaare Horkheimer. Sie wussten, dass die älteren Ferdinand und Jenny Horkheimer und die jüngeren Albert und Rosa Horkheimer heute „abgeholt“ wurden. Sie wussten auch, dass die mit „abgeholt werden“ schön geredete Zwangsverschleppung noch schlechtere Lebensbedingungen, wenn nicht den sofortigen gewaltsamen Tod bedeuteten.

Ein Rapport, wie sie Albert Horkheimer verschickte. Quelle: Staatsarchiv Sigmaringen Ein Rapport, wie sie Albert Horkheimer verschickte. Quelle: Staatsarchiv Sigmaringen

Warum nur konnte man es nicht verhindern? Warum hatte keiner den Mut, sie zu verstecken? Bis zum heutigen Tag beschäftigen Zeitzeuginnen solche Überlegungen. Realistisch gesehen können betagte Personen wegen Krankheit, Diät, Pflege und Tod nicht versteckt werden. Polizist Josef Sedlmaier hatte sich für diesen Dienst entschieden, denn die Deportation wäre in jedem Fall vorgenommen worden. Verwundert beobachteten die Kinder die Emotionen ihrer Mütter. Hatte man ihnen doch in Schule und Hitlerjugend gelehrt, wie gefährlich Juden waren. Zeitung und Radio verkündeten stereotyp: Die Juden müssen weg. Und nun war es doch endlich soweit.

Ferdinand und Jenny Horkheimer zur Kur in Wildbad. Ferdinand und Jenny Horkheimer zur Kur in Wildbad.

Noch 1939 fühlten sich die Horkheimers verankert

Das Unheil begann mit der Verschleppung des Schwiegersohns Siegfried Bauer 1938 ins KZ Dachau. Vor seiner teuer bezahlten Entlassung hatte er zu unterschreiben, dass er innerhalb einer Frist von drei Monaten mit seiner Familie und allen Horkheimern Deutschland verlassen werde. Sonst kämen alle dauerhaft nach Dachau! Doch die Ehepaare Horkheimer fühlten sich so gut in Rottenburg verankert, dass sie sich Anfang 1939 nicht vorstellen konnten, dass ihnen hier irgend jemand etwas zuleide tun würde. Damit hatten sie sich getäuscht.

Eine Nachbarin wagte es sogar, hinter dem traurigen Zug her zu schleichen. Der Weg führte nicht in die zerfallenen Häuser nach Hemmendorf, um in der Eberhardstraße 33 Dienstwohnungen für Polizisten zu bekommen. Nein, die Juden mussten den Zug besteigen. Sie selber wussten, dass das Ziel nach dem Sammelpunkt auf dem Stuttgarter Killesberg ab dem 22. August 1942 das Altersghetto Theresienstadt in der Slowakei sein würde.

Ferdinand und Jenny Horkheimer hatten sich mit 16.563 Reichsmark in einen Heimpflegevertrag eingekauft. Albert und Rosa Horkheimer verweigerten sich, um Vermögen für die Kinder zu retten. Das bezahlten sie mit dem gewaltsamen Tod „im Osten“. Zum 26. September 1942 wurden sie „für tot erklärt“. Die von den Nazis versprochene und von Jenny und Ferdinand Horkheimer bezahlte Pflege war Illusion. Die unmenschliche Unterbringung auf Holzpritschen in ungeheizten Massenunterkünften, der ständige Kampf um Essbares und die Würdelosigkeit der Situation raubten Ferdinand Horkheimer die Lebenskraft bereits am 2. Oktober. Seine Frau Jenny lebte noch bis zum 26. März 1943 allein, ohne Verwandte und Bekannte. Kein Essenspaket erreichte sie. Niemand wusste, wo sie lebte. Die Leichen wurden auf einen großen Leichenwagen geladen und ins Krematorium geschafft. Die Asche wurde 1944 in den Fluss geschüttet.

Als Fabrikanten waren sie sehr sozial eingestellt

Ältere Rottenburger erinnern sich noch an die Putzwollfabrik in der heutigen Sprollstraße, Ecke Schuhstraße. Am 1. Oktober 1938 wurde sie arisiert und ging an Rottenburger Kaufleute. Auch im Herbst 1938 wurden Albert Horkheimer und sein Schwiegersohn Siegfried Bauer gezwungen, das 1936 erbaute Haus in der Mechthildstraße 34 an die Stadt zu verkaufen, damit Dienstwohnungen für die Schulleiter der Volksschule und der Realschule zur Verfügung standen.

Die Fabrikanten Ferdinand und Albert Horkheimer pflegten Geschäftsbeziehungen in ganz Europa, hatten einen großen Kundenstamm und schufen Arbeitsplätze für Arbeiter und Angestellte. Sie bildeten Lehrlinge aus. Ihre Mitarbeiter erhielten Weihnachtsgeld und Prämien für lange Betriebszugehörigkeit. Notwendiger Urlaub wegen dringender bäuerlicher Arbeit wurde verständnisvoll gewährt.

In ihrem Fabrikverkauf erwarben Frauen günstige Unterwäsche. Auch größere Stoffreste waren preisgünstig zu haben. Fehlte das Geld, erhielt man sie trotzdem. So konnte sich manche Familie erstmals Vorhänge und Wintermäntel in der Not nach dem ersten Weltkrieg nähen.

Die Fabrikanten Horkheimer und ihre Familien verkehrten selbstverständlich mit den Honoratioren der Stadt. So waren sie Mitbegründer und Sponsoren des Tennisclubs, Mitglied in den Militär-Vereinen und bei Festlichkeiten nicht wegzudenken. Beide Brüder sammelten und handelten mit Antiquitäten und besuchten gemeinsam mit Rottenburger Antiquitätenhändlern wie Endress und Stein die Messen.

Ihre Frauen engagierten sich im Sozialleben der Stadt, so während des Weltkriegs: Jenny Horkheimer nahm ein Pflegekind aus Stuttgart auf. Rosa Horkheimer engagierte sich als Krankenschwester während des gesamten Kriegs und wurde dafür mit dem Charlottenkreuz geehrt. Ihre zwei Kinder Auguste und Rudolf ließ sie durch Hauspersonal in der Schuhstraße 1 betreuen.

Immer wenn Not war – so am Ende des Kriegs für Familien ohne Männer, ob sie gefallen, in Kriegsgefangenschaft oder kriegsversehrt in Reha oder arbeitsunfähig waren – traten die Familien Horkheimer mit Sach- und Geldspenden ein, zum Teil anonym und in erstaunlicher Höhe.

Einige waren mutig bis zum Tag der Deportation

Mit der Machtergreifung Hitlers begann für die Familien Horkheimer der Weg in die Beraubung, die Vereinsamung und Not, die Entwürdigung und Vertreibung. Verboten für sie war jedes menschliche Verhalten wie Grüßen, Hilfe in Anspruch nehmen, sich auf eine Bank setzen, im Zug reisen oder ein Telefon und Radio, Silber und Gold, Pelze oder Wollsachen zu haben.

Zur Normalität wurde, dass hinter ihnen her gehetzt wurde: „Jud! Jud!“ Angst erregend klingt es noch heute in den Ohren von Zeitzeuginnen. In der Marktstraße kam es zu tätlichen Übergriffen auf Rosa Horkheimer. Tagelang musste wegen einer Reisegenehmigung zur Klinik gewartet werden.

Vormalige Freunde kamen in ihr Haus und verlangten Ölbilder aus ihrem Besitz. Die große Briefmarkensammlung verschwand. Im Finanzamt Rottenburg blieben die Lexika, 1945 nahm sie ein französischer Oberst mit, ein Schulatlas, vier Bilder, vier Schreibtischsessel und ein Bücherschrank, der es sogar bis ins Finanzministerium schaffte. Der Landrat von Böblingen gab für die Schlafzimmereinrichtung 569 Reichsmark (RM). Die öffentliche Versteigerung allein aus Ferdinand und Jenny Horkheimers Wohnung brachte dem Finanzamt aus der Fahrnis (bewegliche Sachen) 172 RM, insgesamt jedoch 3.000 RM ein.

Neben den Fanatikern gab es mutige einfallsreiche Personen: Geschäftsleute wie Rudhardts vom Käslädle in der Marktgasse, Privatleute wie Kugler und Walz. Nachts stellten sie eine Kiste Kartoffeln oder Obst vors Haus. Andere benutzten versteckte Orte mit Geheimzeichen. Johanna Käser aus dem Tennisclub wagte es bis zum letzten Tag, für sie einkaufen. Alle Helfer haben irgendein Dankeschön bekommen.

Die Enkelin Lilian S. Barber, geborene Bauer, die heute in Kalifornien lebt, zeigt kein Interesse an diesen Geschenken: „Diese Dinge sind mit den Beschenkten verbunden und sollen dort auch bleiben.“ Solche Erinnerungsstücke zu sammeln, zu denen die heutigen Generationen keine Beziehung mehr haben, könnte ein Anliegen des Fördervereins Synagoge Baisingen sein, der sich auch für die ehemaligen Juden in Rottenburg verantwortlich weiß.

Im August 1949 beantwortete Gertrude Bauer, die Tochter von Rosa und Albert Horkheimer, aus San Francisco einen Brief des Polizisten Sedlmaier: „Wir danken Ihnen, dass Sie wenigstens zu meinen armen Eltern so nett sein konnten, wie es Ihnen heimlicherweise möglich war. Ich darf gar nicht an die Schmach und Schande denken, sonst reisse ich mir das Herz aus dem Leibe. (...) Nur ist es uns versagt geblieben, unsere geliebten Eltern herüberzubringen. Wenn es Ihnen möglich ist, senden Sie uns bitte die Alben und die Bilder, welche Sie von meinen Eltern haben.“ 

Info Quellen: Paula Kienzle, „Spuren sichern für alle Generationen. Die Juden in Rottenburg im 19. und 20. Jahrhundert“ und Lilian S. Barber, „Mein Mutter lehrte mich keine Lieder mehr. Vom Heranwachsen in einer vom Nazi Regime zerstörten Welt“, zweite Auflage.

23.08.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 24.08.2012 - 11:57 Uhr

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