1934 in Sindelfingen gegründet
Bitzer entwickelte sich ab 1979 zur Weltfirma
Der Kühlmaschinen-Hersteller Bitzer SE feierte sein 75-jähriges Bestehen. Gegründet wurde das Unternehmen, das auch zwei Werke in Rottenburg hat, 1934 von Martin Bitzer in Sindelfingen. Unter der Leitung Peter Schauflers entwickelte es sich seit 1979 zur Weltfirma.
Ralf Ketterer
Rottenburg. Die Konservierung von Lebensmitteln mittels Verdunstungskälte ist eine Kulturtechnik, die dem Mensch spätestens seit den Hochkulturen an Nil, Euphrat und Tigris bekannt ist. Heute noch kann man in ländlichen Gegenden des Mittelmeerraums beobachten, wie amphorenartige unglasierte Tonwaren außen bewässert werden, damit die darin befindlichen Lebensmittel dank der Verdunstungskälte kühl bleiben. Die industrielle Kühltechnik geht zurück auf den Deutschen Carl von Linde, der 1877 eine Kühlmaschine unter Verwendung von Ammoniak als Kältemittel ersann. Die heute noch tätige Firma Linde ist einer der Hauptabnehmer von Bitzer.
Ein historisches Foto der Bitzer Kühlmaschinenfabrik: Das Stammwerk Sindelfingen um 1959. Bild: Archiv der Firma Bitzer Bitzer stellt seit 1934 Bestandteile von Kältemaschinen her. Hubkolbenverdichter, Schraubenverdichter und Scrollverdichter bilden die Herzstücke von Kühlaggregaten, insbesondere für gewerbliche Zwecke. Das seit Oktober 2003 in Ergenzingen produzierende Werk mit seinen mehr als 400 Mitarbeitern ist auf die in den letzten Jahren stark gefragten Schraubenverdichter spezialisiert. Seit 2004 forschen und entwickeln Bitzer-Ingenieure in einem neu erstellten Technologiezentrum, ebenfalls in Ergenzingen. Auch Schulungen, wie neu entwickelte Techniken anzuwenden sind, finden in Ergenzingen statt. Im Werk Hailfingen stellt Bitzer Druckbehälter für Kühlmaschinen her.
Neben Anlagen, die ein temperiertes Raumklima für Menschen etwa in Hotels, Verwaltungsgebäuden, Reisebussen oder Zügen gewährleisten sollen, ist nach wie vor die Konservierung von Lebensmitteln ein wichtiger Einsatzbereich der Kältetechnik. Unter dem Stichwort „Kühlkette“, also der durchgängig frostigen Lagerung, etwa von Thunfischsteaks vom Kühlraum eines Trawlers vor Afrikas Küsten über den Laderaum eines Intercooler-Lastwagens auf europäischen Autobahnen bis zur Kühltheke des Supermarkts in Rottenburg sind Bitzer Kältemaschinen im Einsatz.
In Deutschland gehen 14 Prozent des Stromverbrauchs in Kälte- und Klimaanlagen. Deshalb ist hier Energiesparen ein Thema, um Kosten zu reduzieren und das Klima zu schützen. Etliche Supermarktketten ersetzten jüngst ihre alten Kälteanlagen durch die Bitzer Hubkolbenverdichter der neuen Ecoline Baureihe R 134a, die deutlich weniger Energie verbrauchen.
Das Familienunternehmen Bitzer – Slogan: „Das Herz der Frische“ ¨– konnte, nachdem 1979 der jetzige Alleininhaber Peter Schaufler, 69, den Betrieb von seinem Vater Ulrich Schaufler übernahm, sein Geschäft international stark ausweiten. 80 Prozent der Umsätze macht Bitzer heute im Ausland. Das Unternehmen unterhält 32 operativ tätige Tochtergesellschaften. Wichtige Produktionsstandorte neben Deutschland sind Portugal, Großbritannien, USA, Kanada, Brasilien, China, Indonesien, Australien und Südafrika.
2009 beschäftigt Bitzer insgesamt rund 2500 Mitarbeiter auf allen fünf Kontinenten. An den Rottenburger Standorten Ergenzingen und Hailfingen sind es aktuell 406 und 56 Personen. Im Werk Schkeuditz bei Leipzig, das 1991 mit damals 180 Arbeitsplätzen hinzukam, arbeiten 587 Menschen. Der erwartete Gesamtumsatz Bitzers fürs laufende Jahr wird auf 400 Millionen Euro taxiert. Das sind etwa 80 Millionen Euro weniger als im Vorjahr – ein Resultat der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise.
Die Kurzarbeit im Werk Ergenzingen wurde im August beendet. Gegenüber 1959, als zirka 200 Beschäftigte im Stammwerk Sindelfingen tätig waren, gelang es Bitzer also, seine Belegschaft innerhalb von 50 Jahren bis heute weit mehr als zu verzehnfachen. Am Firmensitz Sindelfingen selbst verblieben im Lauf der zurückliegenden Jahre nur noch Verwaltung, Vertrieb und die Marketingabteilung.
Dort in Sindelfingen, wo Bitzer einst gegründet wurde, feiert der Kühlmaschinen-Hersteller am heutigen Freitag in einem architektonisch neu gestalteten Teil der ehemaligen Fertigungs- und Lagerhallen das 75-Jahr-Jubiläum. Diese Räume werden im Sommer 2010 zum Kunstmuseum. Unter dem Namen „Schauwerk Sindelfingen“ zeigt es auf 6500 Quadratmetern Fläche einen Querschnitt der Sammlung moderner Kunst aus dem Besitz von Peter Schaufler und seiner Frau Christiane Schaufler-Münch.