Passanten und Autofahrer beschenkten die Polizisten auf dem Elefantenfuß

Gaben für den Schutzmann

Bis 1967 stand auf der Kreuzung am Lustnauer Tor stets ein Polizist, der den Verkehr regelte. Der „Schutzmann am Schimpfeck“ war eine Tübinger Institution.

Manfred Hantke

Tübingen. Vor dem Schutzmann am Schimpfeck hatten Fußgänger, Rad- und Autofahrer mächtig Respekt. Sie mochten ihn aber auch. Und wie. So sehr, dass sie ihm alljährlich zur Weihnachtszeit reichlich Geschenke überreichten. Das ist ein schöner Brauch geworden, schrieb das TAGBLATT zur Weihnachtszeit 1961. Fußgänger legten ihm Süßes oder Klares auf den Elefantenfuß, Autofahrer hielten kurz an, kurbelten die Scheibe herunter und reichten Wein oder Kaffee hindurch.

Vielleicht war kurz zuvor ein Kollege mit dem Auto da und hat die Weihnachtsgaben abgeholt. Auf dem ... Vielleicht war kurz zuvor ein Kollege mit dem Auto da und hat die Weihnachtsgaben abgeholt. Auf dem Elefantenfuß ist jedenfalls noch Platz. Privatbilder

Selbst eine Rentnerin schenkte „ihrem“ Polizisten ein Päckchen Zigaretten, denn der Herr Schutzmann bringe sie immer sicher über die Straße, schrieb das TAGBLATT. Auf den beigelegten Karten und Briefen belehrten die Verkehrsteilnehmer im humorvoll-ironischen oder mahnenden Ton den Schutzmann, der bei Wind und Kälte einen schweren Job machte. Die Ermahnungen waren jedoch nie bös gemeint.

Alle Geschenke behielten die Polizisten nicht für sich. Sie seien gleichmäßig unter die Bediensteten verteilt worden, erinnerte sich der frühere Polizeiführer Eberhard Vollmer, ein Großteil sei ins Altersheim gegangen. Kurz nachdem wir über die Tübinger Legende vor ein paar Monaten berichtet hatten, sandte uns die Ex-Tübingerin Heidrun Erb, geborene Müller, diese beiden Bilder zu.

Der Beweis also, dass die Verkehrspolizisten von ihren Tage zuvor rüde zurechtgewiesenen Verkehrsteilnehmern mit von Herzen kommenden Gaben bedacht wurden. Welche Schutzmänner auf den Fotos (entstanden zwischen 1953 und 1954) zu sehen sind, weiß Heidrun Herb nicht. Die Bilder stammen aus dem Fundus ihres Vaters Alfred Müller, der von 1948 bis Ende 1955 hin und wieder auf dem Elefantenfuß gestanden und die gesundheitsbelastende Arbeit im stündlichen Wechsel verrichtet hatte.

Eigentlich war der Schutzmann vom Schimpfeck gar nicht wegzudenken, doch 1967 musste er schließlich weichen. Die Technik hatte ihn überholt, ihn ersetzte eine Ampel.

15.12.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 15.12.2012 - 14:07 Uhr

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