100 Schüler waren für den alten Schulsaal in Weilheim viel zu viel

Im neuen Schulhaus begann vor 100 Jahren der Unterricht

Mit Ratssaal, Schule und Lehrerwohnung in einem einzigen Haus wurde es 1912 viel zu eng für die Weilheimer Schüler. Nach den Weihnachtsferien zogen sie in die neue Schule um.

Filipp Münst

Weilheim. Schule auf dem Land war vor 100 Jahren noch etwas völlig anderes. Mit dem Neubau der Weilheimer Schule in der Wilon straße, wo ab Anfang 1913 der Unterricht stattfand, bekamen die Schüler endlich ihr eigenes Gebäude neben dem Rathaus und der Lehrerwohnung. Davor mussten sie teilweise auf der Treppe ihre Aufgaben machen, weil der Platz einfach nicht mehr ausreichte.

Artikelbild: Im neuen Schulhaus begann vor 100 Jahren der Unterricht

Wilhelm Trautmann, der um 1900 die Weilheimer Schule besuchte, berichtet im Heimatbuch „900 Jahre Weilheim“ von diesen Umständen. Während Schulleiter Karl Dieter im proppevollen Schulsaal knapp 100 ältere Schüler/innen unterrichtete, mussten er und die anderen ABC-Schützen auf der Treppe zur Bühne sitzen. Eine der guten älteren Schülerinnen kümmerte sich um sie, bis der Unterricht für die Älteren zu Ende war. Dann durften die Kleinen hinein.

Anfang des 19. Jahrhunderts musste noch ein einziges Haus als Schule, Rathaus und Lehrerwohnung herhalten. 1835 kam ein einfacher Anbau hinzu, in dem fortan der Unterricht stattfand. Doch auch hier wurde der Platz schnell knapp, da die Schülerzahlen in die Höhe schnellten und später zudem der Ratssaal einzog. Schultheiß Karl Braun kam 1912 um einen Neubau der Schule und wenige Jahre später um den Bau eines neuen Rathauses nicht herum.

Die kleine Gemeinde musste für diese beiden Bauvorhaben eine Menge Geld in die Hand nehmen. Da wenige Jahre zuvor Weilheim an das Stromnetz angeschlossen wurde und zusammen mit Kilchberg Wasserleitungen baute, standen die Finanzen nicht so gut. Leidtragender war Schulleiter Karl Dieter, der für sich und seine Familie schon lange eine anständige Wohnung suchte. Seine Lehrerwohnung war umringt von einem Schweinestall, einer Scheune, dem Schulhof und die nahegelegene Grube für das Abwasser der Schülertoiletten und der Küche.

Doch die Lehrerwohnung stand ganz unten auf der Prioritätenliste. Zunächst musste schleunigst ein eigenes Häuschen für die Schülertoiletten her, mit gewissem Abstand zum alten Schul- und Rathaus und zur Lehrerwohnung, damit es dort nicht mehr so übel stank. Wie in allen Häusern in Weilheim gab es noch keine Kanalisation, sie wurde erst 1964 gebaut. Das neue Klohäuschen samt zugehöriger Grube verbreitete zwar weiterhin Gestank, doch wurde der durch die größere Entfernung etwas erträglicher.

Ortschronist Klaus Mohr arbeitet an einer Historie über Weilheim. Bild: Münst Ortschronist Klaus Mohr arbeitet an einer Historie über Weilheim. Bild: Münst

Nun konnte das neue Schulhaus gebaut werden. Die Gemeinde stellte es pünktlich vor Weihnachten 1912 fertig und bezog es gleich nach den Ferien. In einem Zeitungsartikel vom 3. Januar 1913 wird es als stabil und neuzeitlich sowie „sommerlich gelegen“ beschrieben. Der Autor mutmaßte allerdings auch, der „prächtige Neubau“ hätte derart viel Geld verschlungen, dass es nun für die Einweihungsfeier nicht mehr gereicht habe. Diese holte man erst 1921 zusammen mit der Einweihung des neuen Rathauses nach. Verzögert durch den Rathausbau, den ersten Weltkrieg und die Notzeit danach begann man mit dem Bau des neuen Lehrerwohnhauses 1930, als Karl Dieter nicht mehr lebte. Es dient heute unter anderem der Kernzeitbetreuung.

Klaus Mohr, Kilchberger Heimatforscher, hat eine ganze Menge Informationen zum Weilheimer Schulhausbau vor 100 Jahren gesammelt. Derzeit arbeitet er an einer etwa 140 Seiten starken Historie über Weilheim, die zu Ostern erscheinen soll. Dafür befragt er Zeitzeugen und sammelt Bilder – sein Fundus umfasst derzeit etwa 400 Aufnahmen. Der frühere Lehrer am Kepler-Gymnasium und Mitbegründer des Carlo-Schmid-Gymnasiums wirkte bereits maßgeblich an zwei Kilchberger Heimatbüchern mit. „Und weil ich schon dabei war, stellte ich noch eine digitale Kilchberger Bildersammlung mit rund 4500 Aufnahmen zusammen“, erzählt Mohr. Mit Weilheim beschäftigt er sich seit 1991, als eine Bilderausstellung im Gemeindehaus anlässlich des 900-jährigen Dorfjubiläums die Geschichte zeigte.

Für Anfang Januar plant die Weilheimer Grundschule eine kleine Feier, um den Schulhausbau vor 100 Jahren zu würdigen. Im Sommer sollen dann Projekttage stattfinden, bei denen die Schüler Zeitzeugen über deren Schulalltag befragen dürfen. Zwar fand in der neuen Schule der Unterricht wohl nicht mehr auf der Bühnentreppe statt, doch die älteren Weilheimer wissen den Kindern sicher noch die eine oder andere spannende Anekdote zu erzählen.

29.12.2012 - 08:30 Uhr

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