Günter Wagner und Karl Endress erzählten im Heimatmuseum

In Gefangenschaft beim Amerikaner

Günter Wagner hat fast schon Angst gehabt vor der Abendstunde im Reutlinger Heimatmuseum. Aber nicht, weil er über seine Zeit in amerikanischer und englischer Kriegsgefangenschaft erzählen sollte. Sondern er hatte Sorgen, dass er auf ehemalige Kriegsgefangene treffen könnte, die in der früheren Sowjetunion inhaftiert waren und ein weit schlimmeres Schicksal hatten.

 
Günter Wagner (links) und Karl Endress. Günter Wagner (links) und Karl Endress.

„Ich war ja fast schon in Luxusgefangenschaft beim Amerikaner, auch wenn immer Stacheldraht ums Lager war“, sagt der 87-jährige Reutlinger, der 1944 in Italien bei Anzio von den Amerikanern gefangen genommen wurde. Schon dieses Ereignis sei „zivil“ gewesen, „einige Amerikaner beschimpften uns zwar, aber andere gaben uns Schokolade“, erinnert sich Wagner vor etwa 30 Zuhörern.

Von Neapel ging es mit dem Schiff in die USA, der 19-Jährige kam in ein Lager, in dem zuvor Afrikakämpfer untergebracht waren – und staunte. „Wir haben 20 Cent pro Stunde verdient, dafür gab es eine Schachtel Zigaretten. Unsere Raucher haben da aus allen Öffnungen gequalmt.“

Wagner dagegen sparte das Geld lieber und kaufte Farben sowie hochwertiges Aquarellpapier zu 20 Cent pro Bogen. „Als sparsamer Reutlinger habe ich heute noch von dem Papier“, sagt Wagner, der als Kellner Offiziere (widerwillig) bediente und bei jeder Gelegenheit malte und Skizzen anfertigte. Die Zuhörer im Heimatmuseum sind begeistert von seinen Bildern, mit denen er das Lagerleben, Arbeitseinsätze sowie seine Kameraden dokumentiert hatte.

Zwei Monate nach Wagner wurde auch der Reutlinger Karl Endress am gleichen Frontabschnitt in Italien von Amerikanern gefangen genommen. Kurz danach hat er gesehen, wie ein Deutscher seinen Ehering abstreifte und bei einem Amerikaner gegen eine Zigarette eintauschte.

In den USA hat er mehrere Lager erlebt, war auf Farmen zum Pflücken von Sauerkirschen, Äpfeln und Pfirsichen eingesetzt, hat pro Tag 80 Cent verdient und Geld gespart, bis er für 20 Dollar zwei Eheringe kaufen konnte. „Wir durften uns bis Kriegsende nicht beklagen“, sagt er. Doch nach dem 8. Mai 1945, er war nun in einem Lager bei Boston, wehte ein ganz anderer Wind: „Da wurde es strenger, es gab keine Zigaretten und kein Fleisch mehr.“

Als die beiden Reutlinger die USA verließen, Wagner 1946, Endress ein Jahr später, hofften sie vergeblich auf die Heimkehr: Wagner kam nach England und musste auf dem Bau arbeiten. Endress erwischte es schlechter, er kam nach Frankreich und wurde in Lothringen im Kohlebergbau eingesetzt.

„Das reißen wir auch noch auf einer Backe ab“, sagte sich Endress, als ihm drei Monate in der Mine angekündigt wurden – doch letztlich musste er über ein Jahr malochen und kam danach noch in zwei andere Lager. Nach anderthalb Jahren wurde Endress im Oktober 1948 entlassen. „In der Freiheit ist es schöner“, sagt er lapidar bei der Abendstunde, bei der auch einige ehemalige Kriegsgefangene zuhören, manchmal sehr emotional zustimmend oder mitfühlend.

Wagners Befürchtungen, im Heimatmuseum auf ehemalige Gefangene in sowjetischen Lagern zu treffen, hat sich als unbegründet erwiesen. Kulturamtsleiter Werner Ströbele hatte bei zwei ihm bekannten Überlebenden nachgefragt, doch die wollten nicht über ihre Erlebnisse reden. Denn sie haben viel schlimmere Erfahrungen gemacht während ihrer Gefangenschaft.

Wie übrigens auch sowjetische Soldaten, die während des Krieges in deutschen Lagern elend ums Überleben kämpften. Auch in Reutlingen sind während des Zweiten Weltkriegs etwa 200 Kriegsgefangene unter üblen Bedingungen inhaftiert gewesen und zur Zwangsarbeit gezwungen worden.

Thomas de Marco

12.11.2012 - 00:30 Uhr | geändert: 08.12.2012 - 18:03 Uhr

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