Wie der Eingang der Burgholzkaserne seine militärische Vereinnahmung hinter sich ließ und zivil wurde

Spuren der alten Garnisonsstadt

Tübingen. Durch das Kasernentor der Burgholzkaserne an der Reutlinger Straße marschieren und reiten die Soldaten des 35. Infanterie-Regiments. Ein paar Infanteristen wenden den Kopf interessiert in die Richtung des Fotografen. Die Aufnahme aus den 1930er Jahren ist gestellt und in allen Details durchkomponiert.

 
Artikelbild: Spuren der alten Garnisonsstadt Das Kasernentor der Burgholzkaserne an der Reutlinger Straße im Jahre 1939. Stadtarchiv Tübingen

So wurde zum Beispiel die fahnenschwingende Kriegerstatue bewusst mit ins Bild gerückt. Martialisch überragt sie den Zug der Ausmarschierenden. Die Aufnahme (unsere Abbildung zeigt nur einen Ausschnitt) stammt aus dem Verlag der Gebrüder Metz, der sie als Postkarte in hoher Auflage produzieren ließ. Zu den Käufern dürften vor allem die zahllosen jungen Rekruten gehört haben, die ihre Ausbildung in Tübingen absolvierten. Die Kaserne – 1935 gebaut und 1938 nach dem ehemaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg benannt – diente damals der Vergrößerung der Wehrmacht und war damit Teil der Aufrüstungspläne Hitlers. Ihre Gestaltung folgt einem Typus, der reichsweit verwirklicht wurde.

Als die abgebildete Postkarte im September 1939 geschrieben wurde, herrschte bereits seit acht Tagen Krieg. Der Absender war - wie man seinen Mitteilungen auf der Rückseite entnehmen kann - gerade eingezogen worden und wurde in Tübingen auf seinen Fronteinsatz vorbereitet.

Die Aufnahme in der Mitte zeigt fast denselben Ausschnitt vom Tor der Burgholzkaserne, dürfte aber etwa 15 Jahre später entstanden sein. Es herrschte wieder Frieden im Land. Der steinerne Nazi-Krieger ist entfernt und das Kasernentor festlich dekoriert. Aus dem „Quartier Désazars de Montgailhard“ rollen jetzt die Panzer des „12ième Régiment de Cuirassiers“.

Artikelbild: Spuren der alten Garnisonsstadt Die ehemalige Burgholzkaserne im Jahre 1955. Stadtarchiv Tübingen

Von 1945 bis 1991 war die Kaserne in französischer Hand und trug die Namen bedeutender französischer Militärs. Das Tor nennt auf beiden Seiten die Schlachten an denen das Tübinger Regiment ruhmreich teilgenommen hatte, darunter die von Jena, Austerlitz und Moskau.

Gleich neben dem Quartier de Montgailhard lag stadtauswärts das Quartier de Maud' Hui. Laut Meyers Konversationslexikon von 1928 war Louis Ernest de Maud' Huy (1857-1921) ein französischer General, der zu Beginn des Ersten Weltkriegs die Zehnte französische Armee befehligte, eben jene Truppen, die den Deutschen in der Lorettoschlacht entgegentraten. Tübingen hatte also offenbar nach dem Zweiten Weltkrieg zwei Kasernen, die durch ihre Namensgebung an diese für Deutsche wie Franzosen verheerenden Kämpfe in Nordfrankreich erinnerten. Ein innerer Zusammenhang der beiden Benennungen liegt auf der Hand.

Die abgebildete Postkarte (ebenfalls ein Ausschnitt) ist aber noch aus einem anderen Grund von Interesse. Sie war, wie die meisten Karten mit französischem Aufdruck, für die Angehörigen der Garnison bestimmt und ist auf der Rückseite von einem jungen Rekruten namens Jean beschriftet, der sie im November 1955 nach Frankreich schickte. Jean berichtet seinem Freund George vom Alltagsleben in der Kaserne. So erfährt man, dass seine Einheit Nedank seines Einsatzes die vierte Kompanie beim Fußballspielen geschlagen und sein Leutnant ihm darauf hin sogar ein Bier spendiert habe.

Artikelbild: Spuren der alten Garnisonsstadt Die ehemalige Burgholzkaserne 2007. Sommer

Die beiden abgebildeten Postkarten sind Teil der Postkartensammlung von Willi Hartmaier, die vor kurzem dem Stadtarchiv überlassen wurde und derzeit im Stadtmuseum ausgestellt ist. Die „Garnisonsstadt Tübingen“ hat darin ein eigenes Kapitel. Denn ganz egal, ob mit Stahlhelm und Stiefeln der Wehrmacht bekleidet oder mit Gamaschen und weißen Handschuhen der französischen Armee, alle Soldaten schrieben Postkarten an ihre Lieben und konnten dafür auf ein reichhaltiges Angebot der Postkartenverlage zurückgreifen. Tübingens militärische Vergangenheit ist deshalb überraschend gut durch Abbildungen dokumentiert.

Auf der dritten Aufnahme wird deutlich, dass die Spuren der Garnisonsstadt bis heute zu erkennen sind – auch wenn nach Abzug der Franzosen 1991 das militärische Erbe für zivile Zwecke umgebaut wurde. Trotz der starken militärischen Präsenz hat die Stadt den Zweiten Weltkrieg und dessen Zerstörungen weitgehend heil überstanden - wenn auch manchmal mit viel Glück. So haben die Bomben, die 1944 und 1945 in großer Zahl von Flugzeugen der Alliierten auf die Hindenburgkaserne abgeworfen wurden, nur knapp ihr Ziel verfehlt und landeten überwiegend auf unbebautem Gelände daneben.

So konnte das erhaltene Kasernenareal in den 1990er Jahren zu einem attraktiven neuen Stadtviertel umgestaltet werden. Aus dem Kasernentor wurde dabei der Ausgangsort des Mömpelgarder Wegs. Der Name erinnert an Tübingens alte Beziehung zum heute französischen Montbéliard. Mömpelgarder Studenten durften seit alters in Tübingen studieren, weil die kleine Grafschaft bis in die napoleonische Zeit zu Württemberg gehörte.

27.04.2011 - 13:57 Uhr | geändert: 07.05.2011 - 21:04 Uhr

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