Angelo Vaccaro als Junger Wilder beim VfB

Ziehvater Ralf Rangnick

Als Angelo Vaccaro am 2. Dezember 2000 im Bundesliga-Spiel gegen Borussia Dortmund eingewechselt wird, ist der damals 19-Jährige der Hoffnungsträger des VfB Stuttgart und Trainer Ralf Rangnick. Doch der Mössinger wurde immer wieder von Verletzungen ausgebremst.

 
Nummer 44 beim VfB Stuttgart 2000/2001: Angelo Vaccaro.Archivbilder: Ulmer Nummer 44 beim VfB Stuttgart 2000/2001: Angelo Vaccaro.Archivbilder: Ulmer

Ein Bundesliga-Spiel von mir taucht in den Annalen ja gar nicht auf: Gegen Bochum bin ich auch eingewechselt worden, in der 90. Minute, aber das steht nirgends. Mein erstes Spiel war in Unterhaching, aber das Spiel gegen Dortmund, das war schon geil.

Das war die Saison 2000/2001, als wir mit den Amateuren gegen Eintracht Frankfurt 6:1 gewonnen haben. Der höchste Sieg einer Amateurmannschaft gegen Profis im DFB-Pokal, ich habe zwei Tore gemacht. In den ersten drei Spielen der Regionalliga hab ich sechs Tore gemacht, zwei gegen Ulm im WFV-Pokal, dann kam Frankfurt – in dem Monat lief einfach alles. Ralf Rangnick hat mich hochgeholt zum Training und so. Direkt danach habe ich dann einen Dreijahresvertrag bei den Profis bekommen,

Als Rangnick mich das erste Mal gegen Haching in den Kader geholt hat, hat er mich auch gleich eingewechselt, dann auch bei einem UEFA-Pokalspiel gegen Schachtjor Donezk. Ich war ja oft auf der Bank, er hat mich nicht immer gebracht.

Ein paar von den Profis beim VfB hab ich ja schon gekannt, Roberto Pinto, Catizone, die Jüngeren. Auch der Heiko Gerber war ein ganz lustiger. Marcelo Bordon war mein Zimmerkollege, mit dem habe ich mich super verstanden. Aber als ich in der Profi-Kabine einquartiert wurde, saß ich gleich zwischen Krassimir Balakov und Zvonimir Soldo, und da habe ich kein Wort geredet. Nicht so wie die jungen Spieler heute, die rein kommen und gleich einen auf Superstar machen, ich hatte Angst zu reden. Dann hat der Balakov mal einen lockeren Spruch gemacht und mir seinen Maßanzug gezeigt, den er anhatte, dann war alles locker.

Eine Minute nach meiner Einwechslung gegen Dortmund, ich kam für den Ganea, hat mich der Kohler gleich umgehauen, dann hab ich ihm auf italienisch einen Ausdruck gesagt. Der war ja bei Juve gewesen, deshalb war es für mich als Juventus-Fan doppelt interessant gegen ihn zu spielen. Der Kohler konnte also auch italienisch, und der hat nur zu mir gesagt: „Junge, du wirst noch so viele Tritte bekommen, also sei ruhig“.

Ich hatte noch eine Chance, hab mit links aus der Drehung so vom 16er-Eck geschossen, die hat der Jens Lehmann super rausgeholt, sonst hätte ich gleich mein erstes Tor geschossen. Eine gelbe Karte hab ich dann auch noch kassiert, da hab ich den Jörg Heinrich umgehauen. Da waren so viele Stars bei Dortmund: Amoroso, Fredi Bobic, Micki Stevic, mit dem ich dann später in Haching zusammen gespielt habe. Das war unvergesslich, gerade für einen jungen Spieler. Wir haben ja 1:3 verloren, und dann haben unsere Fans nach dem Spiel einen Sitzstreik gemacht. Wir kamen nur mit Polizei-Eskorte aus dem Stadion raus, unsere Autos waren voller Eier, Zahnpasta, Toilettenpapier. Das war keine so gute Zeit für den VfB.

Wir waren dann im Wintertrainingslager, und da hab ich mich verletzt. Doppelter Bänderriss, ich war sechs Wochen weg. In den sechs Wochen wurde der Rangnick entlassen, und dann kam Felix Magath. Heiko Gerber hatte schon Bedenken, weil der kam ja erst aus Nürnberg zu uns und hatte da den Magath gehabt. Unter dem hatte ich dann auch kein Standing. In der zweiten Einheit unter Magath habe ich mich dann gleich wieder verletzt, da war ich ja auch nicht topfit, gleich ein Muskelfaserriss.

Dann hieß es, jetzt gehst du erst mal in die Zweite, das war dann so ein bisschen ein Hin und Her. Im Sommer gab‘s dann ein Missverständnis. Ich sag auch, in der Zeit war ich schlecht beraten. Wenn ich damals schon einen Berater gehabt hätte wie den Jürgen Schwab oder jetzt den Ingo Haspel, dann wäre ich vielleicht immer noch beim VfB. Weil welcher junge Spieler beim VfB hat schon einen Dreijahresvertrag bei den Profis. Auch wenn du bei den Amateuren spielen musst – irgendwann kriegst du die Chance immer, der Kevin Kuranyi oder dann später der Gomez oder der Hleb mussten ja auch immer wieder bei den Amateuren spielen.

Ich bin dann aber zu Haching – war trotzdem eine super Zeit, auch wenn ich mir zwei Mal das Kreuzband gerissen habe. Ich habe auch noch super Kontakte nach Haching, eigentlich zu allen Vereinen, wo ich war, ich bin ja nirgends im Bösen gegangen. Aber der VfB ist mein Verein, der liegt mir am Herzen, ich guck immer noch fast jedes Spiel. Im Nachhinein sage ich, ich hätte eigentlich dableiben müssen, trotz Magath, irgendwann bekommst du immer eine Chance.

Wenn man sieht, wer dann alles nachgekommen ist, als die finanziellen Schwierigkeiten kamen... Aber das weiß du ja alles nicht vorher. Ich hätte mich vielleicht auch einfach ausleihen lassen sollen. Aber der VfB ließ mich auch nicht gehen. Der Ralf Rangnick wollte mich nach Hannover holen, der war immer mein Ziehpapa, aber da hat der VfB nein gesagt.

In Haching war ja alles gut, ich habe ja viele Tore geschossen und war auf dem Weg nach oben. Es gab dann auch viele Anfragen von Bundesligisten, Lautern, Köln, die sich mit meinem Berater schon hingesetzt haben und Unterhaching nach der Ablösesumme gefragt. Da gab es ja auch diese legendären Pokalspiele mit Haching, als wir gegen Rostock und so gewonnen haben.

Da war ich sehr gut drauf, die Angebote waren auf dem Tisch, aber ich wollt einfach noch warten, bevor ich unterschreibe. Aber ich hätte lieber nicht gewartet, weil dann habe ich mir in Offenbach das Kreuzband gerissen. Ich weiß es noch ganz genau: In der 61. Minute habe ich das 2:1 geschossen und in der 64. Minute ist das Kreuzband gerissen. An dem Tag waren Manager von Brescia Calcio da, erste Liga Italien, da hat mein Vorbild Roberto Baggio gespielt.

Deshalb wollte ich noch zwei Wochen warten, um mir diese Option zu lassen, denn mit Roberto Baggio zu spielen wäre für mich das Größte auf der Welt gewesen. Ich wurde gleich am nächsten Tag operiert, dann kam Brescias Manager und hat gesagt, so können sie mich leider nicht verpflichten, aber sie werden mich weiter beobachten. Aber dann habe ich mir sechs Monate später leider wieder das Kreuzband gerissen, dann war ich noch mal zehn Monate weg und dann ging die Leidensgeschichte erst richtig los. Aber trotzdem: Wer kann schon von sich sagen, erste Liga gespielt zu haben...

Bei Elversberg habe ich noch ein Jahr Vertrag und ein Jahr Option. Für die Mannschaft lief es super, aber für mich war es eine Vorrunde zum Vergessen. Ich hatte erst einen Muskelbündelriss, und dann ist es mir im ersten Spiel gegen Hoffenheim II gleich wieder reingefahren. Ich hab mich spritzen lassen und weiter trainiert, aber jetzt ist mir der Semitendinosus gerissen, eine Sehne im Oberschenkel.

Acht bis zwölf Wochen Pause, zur Rückrunde bin ich wieder da. Unser Ziel war nicht die Meisterschaft, aber jetzt haben wir eine super Ausgangsposition und wollen so lange wie möglich oben dabei bleiben. Aber dieses Jahr ist es trotzdem schwierig in der Regionalliga, weil du ja gar nicht direkt aufsteigst als Meister. In der Relegation kann es sein, dass mir Ralf Rangnick wieder über den Weg läuft mit Red Bull Leipzig, und gegen die wird es natürlich schwer.

Protokoll: Hansjörg Lösel

01.12.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 04.12.2012 - 11:31 Uhr

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